Berufsunfähigkeit – ein eindeutiger Begriff?

„Es ist nicht immer einfach, etwas einfach zu halten.“

Berufsunfähigkeit. Dieser Begriff scheint im allgemeinen Sprachgebrauch leicht verständlich zu sein. Tatsächlich aber zählt er zu den problematischsten Begriffen des gesamten Sozialrechts. Selbst Juristen, die sich mit der Definition von Berufsunfähigkeit zwangsläufig immer wieder auseinandersetzen müssen, fällt dies im Einzelfall schwer. Wieso? Der Begriff der Berufsunfähigkeit wird in verschiedenen Bereichen der gesetzlichen Sozialversicherung und der privaten Versicherungswirtschaft mit völlig unterschiedlichen Definitionen und Auslegungen verwendet. Hier nur einige Beispiele »


Die Realität bei der Absicherung der Arbeitskraft

„Die private Berufsunfähigkeitsversicherung als Maß der Dinge?

Die Realität der Berufsunfähigkeitsversicherungen
Wer die Werbung verfolgt gewinnt schnell den Eindruck, dass die ideale Lösung für die Absicherung der Invalidität, also einer Berufsunfähigkeit oder Erwerbsunfähigkeit, der Abschluss einer privaten Berufsunfähigkeitsversicherung ist. Insbesondere private Lebensversicherungen, aber auch Verbraucherschutzverbände stellen diese Versicherungsform immer wieder als zwingend erforderlich heraus. Unbestritten ist, dass die private Absicherung einer Invalidität wohl zu der notwendigsten Form der privaten Vorsorge gehört. Leistungen unserer gesetzlichen Systeme für den Invaliditätsfall, sofern überhaupt vorhanden, reichen nicht aus, um den bisherigen Lebensstandard zu erhalten. Dies wurde bereits im Jahr 2006 in einem Urteilspruch des Bundesverfassungsgerichts unterstrichen.

Zitat des Urteils:
„Angesichts des gegenwärtigen Niveaus gesetzlich vorgesehener Leistungen im Fall der Berufsunfähigkeit sind die meisten Berufstätigen auf eigene Vorsorge, insbesondere darauf angewiesen, für diesen Fall durch den Abschluss eines entsprechenden Versicherungsvertrags privat vorzusorgen, um ihren Lebensstandard zu sichern.“

Die bekannteste Form der Absicherung, die private Berufsunfähigkeitsversicherung, beinhaltet auch tatsächlich das theoretisch größte Leistungsversprechen. Wer diese Versicherung in jungen Jahren, bestenfalls vor Beginn einer Berufstätigkeit und ohne jegliche gesundheitliche Beeinträchtigung abschließt, wird in der Regel seine Berufsunfähigkeitsrente im Fall der Fälle relativ anstandslos vom Versicherer erhalten, vorausgesetzt es besteht bedingungsgemäß Berufsunfähigkeit.

Die Praxis zeigt jedoch, dass die meisten Menschen den Abschluss einer privaten Berufsunfähigkeitsversicherung bzw. die Absicherung einer Invalidität erst ab dem mittleren Erwachsenenalter (ab 30 Jahre) in Betracht ziehen. Zu diesem Zeitpunkt erfolgt die Einschätzung des eigenen Gesundheitszustandes realistischer als im frühen Erwachsenenalter, denn aufgrund gesammelter Erfahrung im Beruf, in der Familie und im persönlichen Umfeld erkennt man die Risiken der Invalidität.

Nach dem Berufseinstieg und der Berufsfindung stellen wir fest, dass arbeitsbedingte Belastungen erste Auswirkung auf die Gesundheit zeigen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist eine weitere Herausforderung. Gesundheitliche Probleme treten erstmals in diesen »produktivsten« Lebensjahren auf. Arztbesuche und kurzfristige Krankschreibungen erfolgen hier überwiegend wegen Stress, Überlastung, Schlaflosigkeit, Rückenbeschwerden.

Wer sich auf die Suche nach einer privaten Berufsunfähigkeitsversicherung begibt stellt schnell fest, dass ein unüberschaubares Angebot vieler Versicherer am Markt vorhanden ist. Nahezu jeder Versicherer bietet mehrere Tarife an, die alle das Berufsunfähig- keitsrisiko absichern. Bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) sind derzeit 93 Lebensversicherungsunter- nehmen gelistet, die das Geschäft mit der privaten Berufsunfähigkeit betreiben und um Marktanteile kämpfen. Über 60 ausländische Lebensversicherungsunternehmen, die im Rahmen des Dienstleistungsverkehrs in Deutschland ihre Produkte anbieten kommen hinzu. Es stehen Ihnen über 1000 unterschiedliche Tarife mit unterschiedlichen Bedingungen zur Verfügung. Eine echte Herausforderung!

Ausschlaggebend für die Höhe des Beitrags ist der gewählte Tarif und die individuelle Merkmale einer Person. Diese Merkmale sind in der privaten Berufsunfähigkeitsversicherung:

  • Ihr Alter – Je später Sie sich versichern, desto teurer wird diese Versicherung für Sie.
  • Ihr Gesundheitszustand – Vorerkrankungen und Beschwerden können zu Zuschägen, Leistungsausschlüssen (bei gleichbleibendem Beitrag) oder Ablehnungen führen.
  • Ihr Beruf – Durch die Kalkulation der Prämie mit sog. Berufsgruppen ist es für Personen mit hoher Eintrittswahrscheinlichkeit einer Berufsunfähigkeit (u.a. körperlich Tätige) aus Kostengründen nur schwer möglich sich abzusichern. Risikoarme Berufe (Akademiker, Büroberufe) profitieren hingegen von günstigen Beiträgen.

Wir beraten Sie gern!


 Fakten statt Werbesprüche:

Orientieren Sie sich bei der Suche nach einer Absicherung an Ihrem individuellen Risiko.

Entscheiden Sie nach Ihrem RisikoEntscheiden Sie sich für ein Produkt, dass Ihr Risiko am besten abdeckt. Das kann durchaus die private Berufsunfähigkeitsversicherung sein, oftmals sind es allerdings andere Produkte, die kaum beworben werden, da sie nicht so lukrativ für die Versicherer sind.

Wir helfen Ihnen bei der individuellen Bedarfsermittlung Ihres Risikos und stellen auf unserer Homepage mögliche Alternativen mit allen Vor- und Nachteilen vor. Mit Statistiken belegen wir, dass beispielsweise die Werbung „Jeder Vierte wird berufsunfähig“ einige kritische Fragen aufwirft. So wurden im Jahr 2011 laut Zahlenmaterial der gesetzlichen Rentenversicherung insgesamt 360.912 Anträge auf Rente wegen verminderter Erwerbsfähigkeit gestellt. Genehmigt wurden 190.036 Renten. Das Verhältnis berufsunfähiger bzw. erwerbsgeminderter Personen zu Erwerbstätigen liegt kontinuierlich seit vielen Jahren unter 5%.

Stellt man diesen Zahlen die Statistik neu eingetretener schwerer Erkrankungen gegenüber, finden sich folgende Zahlen:
In Deutschland erkranken jährlich über 1 Millionen Menschen an Krebs, Herzinfarkten und Schlaganfällen.


Welches Risiko würden Sie absichern?

Eine erste Orientierung für Ihren Bedarf finden Sie in unserem Bereich Ihr Bedarf


Beispiele für die unterschiedlichen Definitionen
des Begriffs Berufsunfähigkeit:

 

In der gesetzlichen Rentenversicherung

„Berufsunfähig sind Versicherte, deren Erwerbsfähigkeit wegen Krankheit oder Behinderung im Vergleich zur Erwerbsfähigkeit von körperlich, geistig und seelisch gesunden Versicherten mit ähnlicher Ausbildung und gleichwertigen Kenntnissen und Fähigkeiten auf weniger als sechs Stunden gesunken ist. Der Kreis der Tätigkeiten, nach denen die Erwerbsfähigkeit von Versicherten zu beurteilen ist, umfasst alle Tätigkeiten, die ihren Kräften und Fähigkeiten entsprechen und ihnen unter Berücksichtigung der Dauer und des Umfangs ihrer Ausbildung sowie ihres bisherigen Berufs und der besonderen Anforderungen ihrer bisherigen Berufstätigkeit zugemutet werden können. Zumutbar ist stets eine Tätigkeit, für die die Versicherten durch Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben mit Erfolg ausgebildet oder umgeschult worden sind. Berufsunfähig ist nicht, wer eine zumutbare Tätigkeit mindestens sechs Stunden täglich ausüben kann; dabei ist die jeweilige Arbeitsmarktlage nicht zu berücksichtigen.“


 In der privaten Berufsunfähigkeitsversicherung und Berufsunfähigkeitszusatzversicherung

Nachfolgend die, seit dem Jahr 2008 im Versicherungsvertragsgesetzes (VVG) verankerte, Mindestanforderung der Begriffsbestimmung einer Berufsunfähigkeit. Tatsächlich aber gibt es in der Praxis keine einheitliche Definition.

„Berufsunfähig ist, wer seinen zuletzt ausgeübten Beruf, so wie er ohne gesundheitliche Beeinträchtigung ausgestaltet war, infolge Krankheit, Körperverletzung oder mehr als altersentsprechendem Kräfteverfall ganz oder teilweise voraussichtlich auf Dauer nicht mehr ausüben kann.“


 In den Satzungen der berufsständischen Versorgungswerke

(Architektenkammer Baden-Württemberg)

„Berufsunfähig ist ein Teilnehmer, der infolge von Krankheit oder anderen Gebrechen oder von Schwäche seiner körperlichen oder geistigen Kräfte auf nicht absehbare Zeit eine Berufstätigkeit als Architekt bzw. Ingenieur in gewisser Regelmäßigkeit nicht mehr ausüben oder nicht mehr als nur geringfügige Einkünfte aus dieser Berufstätigkeit erzielen kann…“

(Versorgungsanstalt für Ärzte, Zahnärzte und Tierärzte Baden-Württemberg)

„Ruhegeld bei Berufsunfähigkeit erhält auf Antrag ein Teilnehmer, der
a) voraussichtlich dauernd berufsunfähig ist und die Ausübung des Berufes aufgibt;
b) wegen vorübergehender Berufsunfähigkeit seinen Beruf länger als sechs Monate nicht ausübt; der Anspruch entsteht in diesem Falle nach sechs Monaten (Ruhegeld auf Zeit).
Wird Ruhegeld später als sechs Monate nach Beginn der Berufsunfähigkeit beantragt, besteht der Anspruch frühestens ab dem auf den Antrag folgenden Monat. Der Bezug von Ruhegeld ist ausgeschlossen, solange ein Teilnehmer hinsichtlich des Berufes, der die Pflichtteilnahme begründet, bei einem Arbeitsamt als arbeitssuchend gemeldet ist.
(2) Ein Teilnehmer ist berufsunfähig, wenn er infolge Gebrechen oder Schwäche der körperlichen oder geistigen Kräfte außerstande ist, eine Tätigkeit auszuüben, bei der Kenntnisse, die zum ärztlichen, zahnärztlichen oder tierärztlichen Fachwissen gehören, vorausgesetzt oder angewandt werden. Bei der Beurteilung bleiben andere als medizinische Gründe außer Betracht…“

(Versorgungswerk der Rechtsanwälte in Baden-Württemberg)

„Berufsunfähigkeitsrente erhält das Mitglied, das

1. infolge körperlichen Gebrechens oder wegen Schwäche seiner körperlichen oder geistigen Kräfte zur Ausübung des Berufes eines Rechtsanwaltes, eines Patentanwaltes, eines selbständigen Notars oder eines Rechtsbeistandes auf nicht absehbare Zeit, mindestens 90 Tage, unfähig ist,
2. deshalb seine berufliche Tätigkeit und eine Tätigkeit, die mit dem Beruf eines Rechtsanwalts vereinbar ist, einstellt und innerhalb von 18 Monaten nach Eintritt der Berufsunfähigkeit auf seine berufliche Zulassung verzichtet,…“


 In der privaten Krankentagegeldversicherung

„Berufsunfähigkeit liegt vor, wenn die versicherte Person nach medizinischem Befund im bisher ausgeübten Beruf auf nicht absehbare Zeit mehr als 50 % erwerbsunfähig ist…“

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